Es passt fachlich und menschlich. Seit knapp zwei Jahren leiten Anuradha Ramoji und Susanne Pahlow die Arbeitsgruppe Angewandte Biospektroskopie und Bioassays in der Forschungsabteilung Spektroskopie/Bildgebung am Leibniz-IPHT.

Gemeinsam bringen die Arbeitsgruppenleiterinnen optische Detektionsmethoden für die biomedizinische Forschung voran: Anuradha Ramoji als Expertin für Raman-Spektroskopie im klinischen Umfeld, Susanne Pahlow mit maßgeschneiderten Strategien zur Probenvorbereitung. In einem Gespräch erzählen sie, wie sie sich ergänzen und was ihnen in der Zusammenarbeit wichtig ist. 

Wie habt Ihr Euch kennengelernt?

Susanne: Obwohl wir beide schon lange am Institut sind – ich seit 2009, Anu seit 2008 –, hatten wir kaum miteinander zu tun, weil Anu am Klinikum und ich am Zentrum für Angewandte Forschung (ZAF) tätig war. Richtig gut kennengelernt haben wir uns 2019 auf der SciX in Palm Springs. Dort haben wir festgestellt, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben, auch in Bezug auf Herausforderungen bei der Arbeit.

Anuradha: In den letzten Jahren haben wir jeden Freitag gemeinsam Kaffee getrunken und viele Themen besprochen. So habe ich Susanne als Person kennengelernt und wusste, wie sie arbeitet.

Wie ergänzen sich Eure Fachgebiete?

Susanne: Wissenschaftlich ergibt es sehr viel Sinn, unsere Themen zu verknüpfen. Ich arbeite vorwiegend an der Probenvorbereitung, während Anu tiefgehende Erfahrungen auf dem Gebiet der Raman-Spektroskopie hat, besonders in klinischen Anwendungen. Diese Kombination ermöglicht es uns, noch mehr aus unseren Projekten herauszuholen.

Anuradha: Ich mache Probenvorbereitungen nur so weit, wie es nötig ist. Susanne hat hier ein tiefes Wissen und eine besondere Begabung – sie hat „magische Hände“, wenn es darum geht, Bakterien und Viren aus Proben zu gewinnen. Ihre Expertise ergänzt meine Arbeit hervorragend.

Wie arbeitet Ihr wissenschaftlich zusammen?

Susanne: Eine saubere und präzise Probenvorbereitung ist entscheidend für unsere Analysen. Ich entwickle Strategien, um Mikroorganismen wie Bakterien und Viren aus komplexen Matrizes zu isolieren und für die Analyse vorzubereiten. Das ist eine wichtige Grundlage für viele unserer Projekte.

Anuradha: Susanne optimiert die Proben für die Raman-Analyse, was die Qualität und Aussagekraft unserer Ergebnisse deutlich steigert. Ich spezialisiere mich auf die Raman-Spektroskopie, eine Methode, die es ermöglicht, chemische und strukturelle Informationen aus Proben zu gewinnen. Besonders in klinischen Studien setze ich diese Technik ein, um biologische Proben zu analysieren und Diagnosen zu unterstützen.

Was für Fragestellungen erforscht Ihr?

Susanne: Ein Beispiel für unsere erfolgreiche Zusammenarbeit ist das Projekt SARS-CoV-2 DX. Hier haben wir Methoden entwickelt, um das Virus nachzuweisen und die virale Belastung zu quantifizieren.

Anuradha: Im Rahmen des Leibniz-Instituts für Photonik in der Infektionsforschung (LPI) arbeiten wir für die Basistechnologien (BT2) an einer Plattform zur Raman-spektroskopischen Differenzierung von weißen Blutkörperchen. Susanne betreut die Probenvorbereitung, während ich für die Raman-spektroskopische Analyse verantwortlich bin.

Wie kam es dazu, dass Ihr die Gruppenleitung übernommen habt?

Susanne: Das war eigentlich nicht geplant. In einem Karriereentwicklungsgespräch mit unserem wissenschaftlichen Direktor, Jürgen Popp, hat er mir vorgeschlagen, perspektivisch eine eigene Gruppe zu leiten. Das hat mich zunächst überrascht, weil ich mich immer eher in der zweiten Reihe gesehen habe. Aber Anu hat mich sehr motiviert und mir das Vertrauen gegeben, diese Rolle anzunehmen. Gemeinsam mit ihr fühle ich mich sicher in dieser Position.

Anuradha: Ich wusste, dass Susanne das kann. Wir haben viele Gespräche geführt, und ich habe sie immer ermutigt, diese Chance zu ergreifen. Unsere Chemie stimmt einfach, und ich bin froh, dass wir diesen Weg zusammen gehen.

Susanne: Wir unterstützen uns gegenseitig und lernen voneinander.

Anuradha: Susanne hat ein besonderes Talent für Organisation und Planung, während ich eher spontan bin. Diese Kombination funktioniert sehr gut. Wir kommen aus verschiedenen Kulturen: Susanne aus Deutschland, ich aus Indien. Sie versteht, wie Menschen hier miteinander umgehen, und gibt mir wertvolle Hinweise, etwa wie man sich in einer E-Mail diplomatisch ausdrückt. Es ist immer gut, einen Schritt zurückzutreten und diplomatisch vorzugehen – selbst wenn man nicht immer gewinnt, verliert man zumindest nicht.

Was ist Euch wichtig in der Zusammenarbeit mit Eurem Team?

Susanne: Wir kommunizieren klar, wie wir die Zusammenarbeit gestalten möchten, und sind offen für Anpassungen, wenn etwas nicht funktioniert. Uns ist eine Kultur der Diskussion wichtig. Jede Person soll sich wertgeschätzt fühlen und die Möglichkeit haben, ihre individuellen Ziele zu erreichen.

Anuradha: Wir möchten Routinen etablieren, ohne unsere Mitarbeitenden zu überlasten. Transparenz und Selbstständigkeit sind uns wichtig. Vertrauen ist entscheidend. Wir wollen eine Atmosphäre schaffen, in der sich jede Person sicher fühlt, auch über Schwierigkeiten zu sprechen.

Wie fördert Ihr Eure Mitarbeitenden?

Susanne: Wir planen Entwicklungsgespräche. Uns interessiert, wie unsere Mitarbeitenden ihre Rolle sehen, welche Ziele sie verfolgen und wie sie sich weiterentwickeln möchten. Manche streben Leitungspositionen an, andere möchten sich fachlich spezialisieren. Wir unterstützen das etwa durch Fortbildungen oder neue Projekte.

Anuradha: Wir achten darauf, dass sich unsere Mitarbeitenden wertgeschätzt und ernst genommen fühlen. Es ist wichtig, dass sie Freude an der Arbeit haben, auch wenn der Druck in der Wissenschaft hoch ist. Persönliche Gespräche helfen uns zu verstehen, was sie brauchen.

Susanne: Wir möchten greifbar sein und unsere Mitarbeitenden mindestens einmal pro Woche sehen. Deshalb legen wir großen Wert auf regelmäßige Teammeetings. Da unser Team auf drei Standorte verteilt ist, ist das organisatorisch eine Herausforderung. Wichtig ist, dass alle wissen: Wir sind da und unterstützen bei Bedarf.

Welchen Rat würdet Ihr jungen Wissenschaftlerinnen geben, die eine Führungsposition anstreben?

Susanne: Ich würde jungen Wissenschaftlerinnen raten, den Mut zu haben, den nächsten Karriereschritt aktiv zu gehen. Auch dann, wenn sie noch Zweifel an sich selbst haben. Sie sollten sich die Chance geben, in so eine Rolle hineinzuwachsen. In der Position ist es dann entscheidend, gezielt den Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in vergleichbaren Positionen zu suchen. Ein kleines Netzwerk aus vertrauten Personen ist dabei von unschätzbarem Wert. Es geht nicht darum, dass andere die eigenen Herausforderungen bewältigen, sondern einen geschützten Raum zu haben, in dem man Zweifel offen ansprechen und andere Perspektiven hören kann. Mir persönlich hilft dieser Austausch sehr. Sei es, um neue Ideen zu diskutieren oder einfach zu hören: „Das kenne ich, das habe ich auch schon erlebt.“ 

Anuradha: Junge Menschen sind oft entweder verunsichert oder so stark in ihre täglichen Aufgaben eingebunden, dass sie sich kaum Zeit nehmen, innezuhalten und zu reflektieren. Exzellente Forschung ist wichtig. Doch dauerhaft auf hohem Niveau zu arbeiten, erfordert mehr als fachliche Kompetenz: Es braucht den Mut, sich selbst zu vertrauen und den eigenen Weg Schritt für Schritt weiterzugehen. Gerade dieses bewusste Weiterentwickeln erweitert den Horizont und vertieft das Verständnis. Nur wenige Menschen bringen Führungsqualitäten von Natur aus mit. Für die meisten entsteht Führung durch kontinuierliche Anstrengung, Ausdauer und die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln und neue Perspektiven zu erschließen. Oder kurz gesagt: Strebe danach, zu wachsen.